Kolwezi vor 40 Jahren

Kolwezi ist in die Hand der Rebellen gefallen, Frankreich schickt auf Bitte des Präsidenten Mobutu seine Armee raus. Du solltest sofort nach Kinshasa reisen!“. Von diesem Telefonanruf meines Vaters werde ich am Morgen des Pfingstdienstags 1978 geweckt. Als ich am Donnerstag, den 18. Mai, am Flughafen von Kinshasa ankomme, sehe ich fünf C 130 Hercules (amerikanische Transportflugzeuge) in den Farben der FAZA (zairische Luftstreitkräfte), die ein wenig abseits in der Nähe der Hangar geparkt sind. Die französischen Soldaten können jeden Augenblick eintreffen.

© © Patrick Chauvel

„ICH MÖCHTE MITKOMMEN“

 

Die Nacht bricht plötzlich herein, es sind 26 Grad, die Luft ist feucht. Ich unterhalte mich mit zairischen Soldaten. Beim Zigarettenausteilen kann ich ein bisschen mehr herausfinden. Es ist 23.15 Uhr als ein DC 8 der Fluggesellschaft UTA landet. Ich sehe, wie etwa hundert französische Soldaten aussteigen. Ich erkenne sie an der grünen Tellermütze der Fremdenlegion wieder. Ich kann meine Freude nur schwer unterdrücken. Es wäre eine große Ehre, eine Operation der Fremdenlegion zu begleiten. Ich nähere mich einem Legionär: „Werden Sie über Kolwezi abspringen?“. Der Soldat antwortet nicht. Ein Offizier hat meine Frage gehört und antwortet: „Hauptmann Poulet. Sie sind?“ Ich stelle mich vor und erkläre ihm, dass ich sie bei der Operation begleiten möchte. „Negativ!“, antwortet er.

 

Ich lasse nicht locker. Ein unmerkliches Lächeln auf den Lippen, dreht er sich auf dem Absatz um und geht zu den anderen Offizieren. Ich nähere mich ihnen, doch sie steigen alle in Jeeps ein und steuern auf eine abgelegene Hütte in der Nähe der Hangars zu. Ein Legionär führt mich zurück zu den zairischen Soldaten. Im gleichen Augenblick landen zwei Transall mit Kokarden in den französischen Landesfarben. Ich erkundige mich. Sie kommen aus dem Tschad, mit Munition für die zairischen Mirage-Kampfflugzeuge. Ich befinde mich inmitten des Geschehens und muss sie nur dazu kriegen, mich mitzunehmen. Leichter gesagt als getan.

 

Dank der Zigarettenausgabe gestatten mir die zairischen Soldaten, auf dem Rollfeld zu bleiben. Die Legionäre verladen Ausrüstung in die C 130. Ich denke mir einen ausgefeilten Plan aus: mich auf dem Klo im Flugzeug verstecken und mich erst nach dem Abflug zu erkennen geben. Sie einfach vor vollendete Tatsachen stellen. Zwei Dinge habe ich dabei nicht bedacht. Es gibt kein Klo in den C 130 und die Legion springt über Kolwezi ab. Der Regimentspfarrer, der mich in der Maschine entdeckt hat, führt mich in den Hangar und einer der Offiziere ruft: „Sie schon wieder!?“. Daraufhin beugt er sich zum Oberst Erulin vor, der mich beobachtet, und zeigt ihm meinen Presseausweis. „Negativ!“. Wieder geht es zurück zu den zairischen Soldaten.

 

ANKUNFT IN KOLWEZI

 

 

Am Freitag, den 19. Mai um 10.50 Uhr heben ungefähr 400 Legionäre ab, um mit dem Fallschirm auf die Stadt zu springen, in der der Feind mit 2.000 bis 3.000 Männern, Panzerfahrzeugen und rückstoßfreiem Geschütz ausgerüstet ist. Die „Operation Leopard“ ist extrem riskant. Letzten Endes erreiche ich Kolwezi am nächsten Tag mit einem einfachen Presseflug, der vom Präsidenten Mobutu veranlasst wurde. Während des vierstündigen Flugs warnt uns ein zairischer Presseoffizier, dass wir uns keinesfalls vom Flugzeug entfernen sollten, denn die Kämpfe in und um Kolwezi  hielten weiter an. Kaum am Flugplatz gelandet, entwische ich zusammen mit zwei anderen Fotografen, Henri Bureau und Pascal Pugin. Wir machen uns auf den Weg nach Kolwezi.

 

Verlassene Fahrzeuge und Leichen. Die Straße in Richtung Stadt ist erschreckend. Hohes Gebüsch versperrt die Sicht auf die Seite, der ideale Schauplatz für einen Hinterhalt. Nach fünf Kilometern zu Fuß können wir es kaum erwarten endlich anzukommen. Aber wir dürfen nur langsam vorangehen und müssen dabei leicht zu identifizieren sein. Die Gefahr geht nicht von den Fallschirmjägern aus, die sehr gut schießen können, sondern von den Katangern. Ein Legionär kommt aus dem hohen Gebüsch hervor. Er ist Teil der 3. Kompanie. Endlich haben wir Kontakt hergestellt. Anschließend gelangen wir zu den Legionären der 4. Kompanie. Im Quartier P2 entdecken wir 39 zivile Leichen, Männer, Frauen und ein Baby. Gelegentlich werden Schüsse abgefeuert. Ich versuche mich den Bereichen zu nähern, in denen die Zusammenstöße stattfinden. Das gestaltet sich schwierig, denn die Fallschirmjäger zwinge mich immer wieder einen anderen Weg dorthin einzuschlagen. Ein Zusammentreffen mit den auf der Flucht befindlichen Katangern könnte die Reportage endgültig gefährden.

 

Um 18 Uhr fällt plötzlich die Nacht herein, wir müssen einen Platz zum Schlafen finden. Im Hotel Impala fasst Oberst Erulin die Situation zusammen. Zivilisten erzählen, dass sie die Nacht voller Angst verbracht und sich nicht getraut haben, ihren Unterschlupf zu verlassen. Es scheint, als hätte die Massaker mit Ankunft der Franzosen ein Ende gefunden. Die Katanger, überrascht und zerrüttet, sind zu sehr damit beschäftigt, sich zusammenzufinden und sich auf den Gegenschlag vorzubereiten, um mit dem Blutbad fortzufahren.

 

AUF INS GEFECHT

 

Am nächsten Tag schlägt mir Hauptmann Coevoet vor, die 3. Kompanie zu begleiten, die den Befehl bekommen hat, in die Siedlung Manika einzudringen, von wo aus die Rebellen immer noch schießen. Endlich bin ich mitten im Gefecht dabei. Es ist ein Fortschreiten in kleinen Sätzen, Straße um Straße, Haus um Haus werden gesäubert, ein paar Schüsse, Gefangene, Identitätskontrollen. Leichen, noch mehr Leichen. Zivilsten wagen sich verängstigt aus ihren Verstecken. Die Legionäre bleiben ruhig und arbeiten sich methodisch weiter vor.

 

Nachdem die Legion die Stadt von ihrer Angst befreit hat, erzählen ein paar Europäer, die aus ihrem Versteck im Busch schlüpfen, dass sie am 20. Mai ein Auto mit vier toten Männern in Uniform, die Hände hinter den Rücken gebunden, gesehen hätten. Oberst Gras, dem die Verschwundenen angehören, entschließt eine Operation einzuleiten. Es wird eine Suchaktion per Hubschrauber veranlasst und Hauptmann Coevoet erteilt mir das Privileg, ihn bei dieser gefährlichen Mission zu begleiten.

 

An dem Ort, den die Zeugen ungefähr beschrieben haben, finden wir einen blauen Ford. Die Alouette III setzt 300 Meter entfernt auf. Die zwei Offiziere springen mit dem Gewehr in der Hand schussbereit ins Gebüsch. Wir nähern uns vorsichtig dem mitten auf dem Weg stehengebliebenem Fahrzeug. Nichts. Es befindet sich nur eine Plastikplane mit frischen Blutspuren im Auto. Aber es ist niemand da. Auf dem Boden liegen Helme und Maschinengewehrgurte, einfach vergessen. Wir gehen wieder zurück. Leutnant Bourgain findet daraufhin in einem Hotelzimmer des Impala ein Notizbuch, das einer der sechs Vermissten, Feldwebel Jacques Gomila, als Tagebuch verwendete, dessen letzter Eintrag am Sonntagmorgen um 11.30 Uhr gemacht wurde: „Wollten weg. Wurden beschossen. Ein Soldat hat uns reingelassen. Kameraden, das Hotel ist umzingelt. Geht rein.

 

Der Leutnant und seine fünf Feldwebel bleiben weiterhin unauffindbar, verschwunden, von der unendlichen Weite Afrikas in den Bann gezogen. Die Entschlossenheit des französischen Botschafters und des Oberst Gras hat es den Legionären und ihren Offizieren ermöglicht, ein sehr riskantes Kommando auszuführen, bei dem sie derartige Beherrschung und Professionalität an den Tag gelegt haben, dass sie mehrere Tausende zairische und ausländische Zivilsten retten konnten. Am 7. Juni geht das gesamte Regiment an Bord der „Fahrstühle zum Himmel“ – die Starlifter – der US Air Force. Rückflug nach Solenzara und Calvi.


Patrick Chauvel – Kriegskorrespondent und -fotograf